Menschen als Menschen begegnen

Ein Gespräch mit Cora Weißert-Hartmann über Rassismus im Gesundheitswesen, wie er sich auswirkt und was wir dagegen tun können.

Eine Schwarze Frau geht nicht mehr ohne die F.A.Z. unterm Arm zum Arzt. Nicht weil sie von der Zeitung so begeistert ist, sondern weil sie dann seltener auf Englisch angesprochen wird. Cora Weißert-Hartmann erzählt diese Geschichte beiläufig. Aber hier zeigt sich schon das Problem und struktureller Rassismus.

Cora leitet das Modellprojekt „Rassismus im Gesundheitswesen – rassismuskritische Bildung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen“ bei der Stiftung gegen Rassismus. Wir haben uns mit ihr unterhalten und gefragt: Wie tief sitzt das Problem und was können wir alle tun?

Über das Projekt

Wie bist du zu diesem Thema gekommen?

Cora: Ich bin eigentlich Sozialwissenschaftlerin und komme aus der Lehrkräftefortbildung. Im Vorgängerprojekt haben wir Rassismus und Diskriminierung für Fachkräfte in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen behandelt. Wir hatten das  Gefühl, für das Bildungssystem gibt es schon vermehrt Angebote, für das Gesundheitswesen dagegen recht wenig. Daraus ist dann der neue Schwerpunkt entstanden.

Warum hat das Gesundheitswesen so lange gebraucht, das Thema Rassismus anzugehen?

Cora: Antidiskriminierungsstellen bekommen vor allem Beschwerden aus der Arbeitswelt und von Schulen. Das sind Orte, wo man jeden Tag hingeht. Wenn du in der Schule Rassismus erlebst, bist du 13 Jahre lang jeden Tag davon betroffen. Im Gesundheitswesen gehst du vielleicht einmal, nicht mehr zu dieser Ärztin – und suchst dir eine neue. Das macht es grundsätzlich einfacher, dem Problem aus dem Weg zu gehen.

Corona hat dann viel verändert: Auf einmal hat man gemerkt, dass man bestimmte Gruppen überhaupt nicht erreicht, dass es Gruppen gibt, die das Gesundheitssystem überhaupt nicht oder kaum nutzen. So ist das Problem mehr in den Fokus gerückt.

Gleichzeitig kommen immer mehr internationale Pflegekräfte nach Deutschland – und gehen wieder. Über 40 % erwägen laut einer Studie [1], nach fünf Jahren Deutschland wieder zu verlassen. Rassismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz ist dabei einer der am häufigsten genannten Gründe.

„Deutschland schafft es anscheinend nicht mal, die Menschen, die schon hier sind, zum Bleiben zu bewegen.“

Diese beiden Punkte, also dass es Menschen gibt, die nicht erreicht werden und dass Deutschland Fachkräfte aus dem Ausland braucht, haben dazu geführt, dass das Problem mehr behandelt wird.


Woran merkt ihr, dass eure Arbeit wirkt?

Cora: Nach Schulungen sagen Leute oft: „Das sollte eigentlich verpflichtend werden. Ich habe Sachen erkannt, die ich vorher nie wahrgenommen hätte.“

Aber es gibt auch strukturelle Veränderungen: Das UKE in Hamburg hat als erste Klinik eine Rassismusbeauftragte. Ärztekammern fangen an, sich zu professionalisieren. Und Menschen, die früher das Vertrauen ins System komplett verloren hatten, trauen sich inzwischen wieder, eine Beschwerde einzureichen – weil sie wissen, dass da jetzt jemand ist, der zuhört. Hier haben die Communitybasierten Beratungsstellen einen wichtigen Teil beigetragen.

Insgesamt merken wir auch, wie Vernetzungen sich immer weiter ausbauen und sich Institutionen gegenseitig stärken.

In unseren Workshops für Patient*innen zeigen wir ihnen ihre Patient*innenrechte auf, wo sie sich hinwenden können und was sie gegen Rassismus und Diskriminierung tun können. So tragen wir unseren kleinen Beitrag zur Vertrauensgewinnung bei.

Das Problem

Was sind typische Beispiele für Rassismus im Gesundheitswesen – auch die unterschwelligen?

Cora: Da gibt es sehr viele, zum Beispiel eines aus meinen Patientinnen-Workshops: Eine Schwarze Frau hat sich angewöhnt, nur noch mit der F.A.Z. unterm Arm in Arztpraxen zu gehen, weil sie sonst konsequent auf Englisch angesprochen wird, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen ist.

Wissenschaftlich belegt ist auch, dass Schwarze Frauen überproportional oft ungefragt HIV-Tests angeboten bekommen. Gleichzeitig wird muslimischen Frauen, die danach fragen, manchmal gesagt: „Ach, das brauchen Sie doch nicht.“ [2]

Oder auf der Station: Internationale Azubis berichten, dass sie immer nur die unattraktiven Aufgaben bekommen, Betten machen, Toilette reinigen, aber nie wirklich mitgenommen werden, wenn sie etwas lernen könnten. Sie bekommen keine Antworten, wenn sie Fragen stellen. Irgendwann hören sie dann auf zu fragen. Und dann heißt es, sie seien faul.

Ein weiteres Thema ist das medizinische Wissen selbst: Hautkrankheiten werden im Studium fast ausschließlich an weißer Haut gelehrt. Wie sie bei dunklerer Haut aussehen, wissen viele Ärzt*innen oft nicht.


Betrifft das eher Patientinnen oder Fachkräfte?

Cora: Beide Seiten gleich stark. Wenn man von Rassismus betroffen ist, passiert es einem als Patient:in und als Fachkraft. Es ist keine Frage der Rolle, sondern der Struktur.


Was sind die Folgen?

Cora: Bei Patientinnen geht das Vertrauen verloren. Menschen meiden das Gesundheitssystem, gehen nicht mehr zur Vorsorge, erscheinen erst wenn es akut ist. Die Lebenserwartung sinkt dadurch messbar.

Und Fachkräfte wechseln schneller den Arbeitsplatz oder verlassen Deutschland. Internationale Pflegekräfte sagen mir immer wieder: Mit den Patientinnen komme ich klar, die sind eh bald weg Es sind die Kolleginnen. Wenn ich mich am Arbeitsplatz nicht zugehörig fühle, gibt es keinen Grund zu bleiben.


Was können wir tun, die selbst nicht betroffen sind, aber Rassismus im Alltag mitbekommen?

Cora: Es ist immer typabhängig, aber wichtig ist immer: Etwas tun. Jede:r hat einen eigenen Weg zu reagieren. Allgemein hilft es immer, die Betroffenen-Sicht mit zu denken. Als erstes zum Beispiel die betroffene Person direkt ansprechen: „Hey, ich hab das gerade gesehen. Wie geht’s dir, brauchst du Unterstützung?“ Allein das Wissen, dass jemand es auch als ungerecht oder diskriminierend einschätzt, kann etwas verändern und Sicherheit geben

Ein zweiter Punkt ist natürlich auch mit der Person ins Gespräch zu gehen, die die Situation ausgelöst hat. Bei offensichtlichen Vorfällen sofort. Je nach Situation sonst auch unter vier Augen und klar machen: Das wird hier nicht toleriert.

Wichtig ist: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Manche sind besser in der direkten Konfrontation, andere im ruhigen Einzelgespräch. Das ist okay. Hauptsache man tut etwas.

Ich beziehe mich bei dem Thema gerne auf Paul Mecheril, der sagte:

„Wir leben alle in einer rassistischen Struktur. Wer nicht negativ betroffen ist, profitiert davon.“

Denn wenn wir das so betrachten, können alle Verantwortung übernehmen und handlungsaktiv werden. Rassismus geht in der Regel nicht von denen aus, die davon betroffen sind, sondern von den Strukturen, Institutionen und die, die davon profitieren.


Was können Unternehmen und Kliniken konkret verbessern?

Cora: Das Arbeitsumfeld muss entsprechend gestaltet werden und dafür ist es zum Beispiel auch wichtig, das Beschwerdemanagement so zu gestalten, dass Diskriminierung überhaupt ankreuzbar ist. Feedback ist die beste Evaluation, aber viele haben Angst davor, weil sie denken: Dann muss ich was ändern. Aber wir und sie wollen ja Veränderung, dahingehend, dass sich alle wohl und willkommen fühlen.

Und dann: Haltung zeigen, aber wirklich. Ein klares Signal nach außen senden, aber das nach innen auch leben. Es bringt nichts, alles mit Regenbogenfahnen vollzuhängen, wenn sich betroffene Mitarbeitende intern nicht willkommen fühlen.

Und drittens: Repräsentation in der Kommunikation.  Wenn Menschen sich wiedererkennen und mit den Bildern identifizieren können, fühlen sie sich eher dazugehörig und willkommen.

“Sichtbarkeit ist keine Nettigkeit, sie ist Grundlage dafür, dass Menschen sich überhaupt angesprochen fühlen.”

Übergeordnet lässt sich sagen: Wir müssen Menschen einfach als Menschen begegnen.

Drei Fragen zum Mitnehmen

Wie können wir alle zu einer besseren Welt beitragen?

Cora: Menschen als Menschen begegnen. Bereit sein, die Person vor mir wirklich kennenzulernen und nicht davon ausgehen, sie schon zu kennen. So kann wirkliche Begegnung möglichsein und Bedarfe, Wünsche und Grenzen gerecht werden – auf allen Seiten.


Über was sollten wir alle mehr sprechen?

Cora: Über Unterschiede und darüber, dass es okay ist, sie zu haben. Viele denken: Wenn wir Dinge verändern, wird mir etwas weggenommen. Aber wenn ein Bordstein zu hoch ist und man ihn absenkt, kommt plötzlich jeder drüber, nicht nur die eine Person. Es geht nicht ums Wegnehmen. Es geht darum, mehr Menschen Teilhabe zu ermöglichen.


Wie sieht die Zukunft aus?

Cora: Veränderung ist normal. Meine Eltern sind 70 und die Welt, in der sie aufgewachsen sind, existiert heute nicht mehr. Und die Welt, in der wir heute leben, wird in 20 Jahren anders aussehen.

“Wir können mitgehen und die Zukunft so gestalten, dass sie für alle besser wird. Das ist keine Utopie, das ist eine Entscheidung.”

Zur Person

Cora Weißert-Hartmann ist Sozialwissenschaftlerin und politische Bildnerin. Sie leitet das Modellprojekt „Rassismus im Gesundheitswesen“ bei der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Darmstadt.

Zur Stiftung

Die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus wurde 2014 gegründet und koordiniert seit dem die jährlichen UN-Wochen gegen Rassismus in Deutschland – jedes Jahr um den 21. März, zwei Wochen lang, bundesweit. 2025 fanden über 5.300 Veranstaltungen statt. www.stiftung-gegen-rassismus.de

Zum Modellprojekt

Das Modellprojekt „Rassismus im Gesundheitswesen – rassismuskritische Bildung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen“ läuft von Januar 2025 bis 2027, gefördert von der Deutschen Fernsehlotterie. www.stiftung-gegen-rassismus.de/rassismusimgesundheitswesen

Anlaufstellen bei Rassismuserfahrungen

www.antidiskriminierungsstelle.de

Beratungsfinder (kostenlos, anonym, auf Wunsch mit Dolmetscher:in): www.antidiskriminierungsstelle.de/beratung

Quellenangaben

[1]
[2]
Weiter
Weiter

Sprache schafft Realität - Die Geburt