Sprache schafft Realität - Die Geburt

Eine Freundin, die gerade Mutter geworden ist, wählte zum Thema der Geburt die Worte "vaginale Geburt" und "Bauchgeburt". Das fiel mir auf, wo doch viele von natürlicher Geburt und Kaiserschnitt sprechen. Ich habe darüber nachgedacht, mich an die Zeit meiner Schwangerschaft erinnert, daran, wie fast schon verkrampft eine „normale“, „natürliche“ Geburt angestrebt wurde und ich freute mich über diese Entwicklung der Sprache. Wenn wir von vaginaler und Bauchgeburt sprechen, so bezeichnen wir es als das was es ist, die Wege auf denen eine Mutter ihr Kind zur Welt bringt, zwei Arten von Geburten. Wenn wir jedoch eines von beiden als normal bezeichnen, wertet das andere, den Kaiserschnitt, die Bauchgeburt automatisch ab, das ist dann eben nicht normal. Der Begriff Kaiserschnitt bezeichnet zudem einen Eingriff, der vorgenommen wird, während eine natürliche Geburt eine Leistung der Mutter implizieren kann. Rein von den Begriffen her, inhaltlich wissen wir alle, dass beides keinen Spaziergang, sondern eine Höchstleistung darstellt.

Diese Erkenntnis trug ich weiter, wendete diese Begriffe direkt an und fand mich so eines Tages in einem Gespräch wieder, in dem ich mit der Aussage konfrontiert wurde: „Aber ich meine das nicht wertend, wenn ich von normaler und nicht normaler Geburt spreche.“ Ich bat mein Gegenüber, die Perspektive von werdenden Müttern einzunehmen und erzählte von dem Druck, dem sie sich in dieser Situation womöglich ausgesetzt fühlen. Junge Eltern wollen alles richtig machen und ich kenne Mütter, die es als eine Art des Versagens wahrgenommen haben, nicht „normal“ gebärt zu haben. Welchen Einfluss können also Begrifflichkeiten unabhängig von unserer Intension haben?

Können Begriffe Wertung erzeugen, selbst wenn der Absender das gar nicht beabsichtigt. Ich finde, ja.

Wäre es nicht schön und auch gar nicht so schwierig, wenn wir uns bei der Wahl unserer Wörter daran orientieren, was das bei anderen auslöst, ob wir es wollen oder nicht? Wäre es nicht das Beste hier die Gefühle derer zu beachten, die es betrifft? Oder kann man den Ball wirklich immer zur anderen Seite spielen, sich auf seinen Willen und seine guten Absichten berufen und wenn sich jemand mit einer Formulierung unwohl fühlt sagen, es läge einfach daran, wie es aufgefasst wird?

Nun kann man sich fragen, wie man immer wissen soll, was die eigene Wortwahl beim Gegenüber auslösen kann. Das ist natürlich nicht möglich und ist meiner Meinung nach auch gar nicht nötig. Vielmehr sollten wir hinhören, uns selbst hinterfragen und offen für Veränderungen sein.

Zurück zum Anfang und der Freundin mit der Bauchgeburt: was ich daran mag, ist dass es Geburt heißen darf, denn das ist es, es ist mehr als ein operativer Eingriff, ein Kaiserschnitt, es ist eine Leistung der Mutter, es ist das Wunder einen Menschen geboren zu haben.

Ich freue mich, diesem Begriff häufiger zu begegnen. Und wenn wir im Alltag aufmerksamer sind nicht mehr von natürlich und normal sprechen, würden sich werdende Mütter in Zukunft vielleicht ein bisschen weniger dem Druck ausgesetzt fühlen, eine solche Geburt haben zu müssen. Vielleicht würden sich Mütter in Zukunft dann nicht mehr verpflichtet fühlen, einen Grund dazu zu nennen, warum ihre Geburt wie ablief, sich nicht mehr erklären, gar rechtfertigen zu müssen.

Und gleichzeitig finde ich es spannend, dass es auch Mütter gibt, die nach wie vor lieber von einem Kaiserschnitt sprechen. Für sie klingt Bauchgeburt verharmlosend, denn schließlich handelt sich dabei um einen operativen Eingriff. Und der Begriff Kaiserschnitt leitet sich sehr wahrscheinlich aus dem lateinischen von dem verb caedere (schneiden, aufschneiden) ab.

Ist doch beides völlig valide, oder? Ich sehe darin eine wunderbare Entwicklung, vor allem dann, wenn auch Menschen, die selbst gar keine Wertung hineinpacken würden, egal, welchen Begriff sie wählen, sich für die stimmige Varianten entscheiden. Dann hätten diese Ausdrücke die Realität von werdenden Müttern maßgeblich verändert. Und darin sehe ich die Macht von Sprache.

Sprache schafft Realität.

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